Adolphi 2025: Rede auf dem Ostermarsch in Gardelegen am 21.04.2025
Dr. sc. Wolfram Adolphi, Potsdam, 21.04.2025
Rede zum Ostermarsch in Gardelegen
Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,
jeder Kriegstag ist eine Katastrophe.
Da ich dies am Karfreitag aufschreibe, finde ich bei Facebook einen Artikel aus der BILD-Zeitung vom 17. April über zwei deutsche Legionäre. Sie wollten – so schreibt es Autor Julian Röpcke – „der Ungerechtigkeit nicht länger tatenlos zusehen“ und kämpften daher unter den Kampfnamen „Schnitzel“ und „Shiny“ „aufseiten des internationalen Bataillons der 12. Spezialkräftebrigade Asow, einer Einheit der ukrainischen Nationalgarde“. „Shiny“ will – so sagt es der Text – „ganz Europa gegen Russland verteidigen“. Es mache ihn „fertig, dass die prorussischen Parteien in Mecklenburg-Vorpommern bei knapp 50 Prozent stehen“.
„Shiny“ ist ein bisschen über zwanzig. Wie wird er – wenn er überlebt – zurückkehren? Mit seiner militärischen Ausbildung, seinen – wie wir aus dem Afghanistankrieg, in dem angeblich auch schon „unsere Freiheit“ verteidigt wurde, wissen – sehr wahrscheinlichen Traumata und seinem Hass auf „die prorussischen Parteien in Mecklenburg-Vorpommern“?
Der Berliner Kurier vom 16. April bringt auf seiner ersten Seite ein Foto mit dem Text „Schießen und töten lernen in nur drei Wochen“. Der Untertitel verheißt: „Bundeswehr: Speed-Programm in Lehnin“.
Jeder Kriegstag ist eine Katastrophe.
Er ist eine Katastrophe vor allem – wer wollte das bezweifeln – für die Menschen, die in ihm leiden.
Er ist zugleich eine Katastrophe für die gesamte Menschheit. Denn er wirft Teile dieser Menschheit direkt aus der friedlichen Zivilisation zurück in die so oft schon überwunden geglaubte Barbarei, und indem er es mit Teilen auf direktem Wege tut, tut er es auf indirektem Wege mit der Menschheit insgesamt. Jeder Kriegstag ist eine Niederlage der menschlichen Zivilisation. Jeder Kriegstag ist nicht Fort-, sondern Rückschritt.
Jeder Kriegstag ist eine ungeheure Unterwerfung. Eine Unterwerfung des größten Teils der Menschheit unter die Interessen jenes verschwindend kleinen Teils von ihr, der aus ihm seine Gewinne schöpft, seine Profite saugt, seine Macht vergrößert, seine Einflusssphären ausdehnt, sich weiterer Millionen und Abermillionen Köpfe dieser Menschheit bemächtigt.
Die Mechanismen dieser Profitmacherei liegen spätestens seit dem Ersten Weltkrieg, der vor 110 Jahren den ganzen Erdball in ein Tollhaus verwandelte, völlig offen. Es sind die Mechanismen der kapitalistischen Produktionsweise schlechthin.
Dies erkennend und gründlich analysierend hat Rosa Luxemburg daraus die Kampflosung „Sozialismus oder Barbarei“ entwickelt, und das war den Profiteuren des Krieges zu viel: Sie ließen diese mutige, weitsichtige, unbeugsame Frau zwei Monate nach Friedensschluss, am 15. Januar 1919, heimtückisch ermorden. So wie auch ihren Kampfgenossen Karl Liebknecht, für den der Feind nie die Bevölkerung eines anderen Landes war, sondern immer in Gestalt der Herrschenden im eigenen Lande stand, weshalb er den Ruf „Nieder mit dem Krieg“ ganz selbstverständlich mit dem Ruf „Nieder mit der Regierung“ verband. Und umgebracht auch – schon im Vorkriegssommer 1914 – der französische Parteiführer und Pazifist Jean Jaurès, und auch er aus Angst vor der Wahrheit, und diese Wahrheit lautete und lautet: „Da die Wirtschaft selbst ein Kampf ist, wird aus dem Krieg der wichtigste, blühendste, umtriebigste aller Wirtschaftszweige.“
Es ist diese Wahrheit milliardenfach verbreitet worden – und dennoch gelingt es jenem kriegsgewinnlerischen winzigen Teil der Menschheit immer wieder, den anderen riesengroßen seinen Ambitionen zu unterwerfen.
Wie das geht – das erleben wir gerade aufs Schmerzhafteste. Und zwar in einer unerhörten, den Atem raubenden und die Hirne quälenden Geschwindigkeit. Gerade eben noch – so scheint es – lebten wir in zwei deutschen Staaten, die zwar unterschiedlichen, in Konfrontation miteinander befindlichen Militärblöcken angehörten, aber sich doch auf einem guten Weg der Friedenssicherung befanden: durch eine alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erfassende Entspannungsoffensive, die in der Selbstauflösung des Warschauer Vertrages und dem ohne einen einzigen Schuss stattfindenden Rückzug von 350.000 sowjetischen Soldatinnen und Soldaten vom deutschen Territorium ihren Höhepunkt fand.
Ich wiederhole: Rückzug von 350.000 sowjetischen Soldatinnen und Soldaten ohne einen einzigen Schuss. Realisiert von jenen, denen interessierte Kreise des deutschen Kriegsgewinnlertums heute eine „ewige russische Aggressionslust“ unterstellen. Vergessen aller Gorbatschow, vergessen sein millionenfach bejubelter Ruf nach Bau eines europäischen Hauses, dem selbstverständlich auch das zu Europa gehörende Russland angehören muss, vergessen auch die Verneigung des Deutschen Bundestages vor Wladimir Putin 2001, und vergessen und tief vergraben in noch einmal gesteigerter irrsinniger Geschwindigkeit die sowjetische Befreiungstat des 8. Mai 1945.
Kluge, weitsichtige Geister haben all das vorausgesehen: Am 27. August 1994 notiert der Dichter Volker Braun in seinem Arbeitsbuch: „die gesonderte verabschiedung der russischen streitkräfte war eine stille kriegserklärung an rußland. die westalliierten, die im 2. weltkrieg zögernd die zweite front eröffnet hatten, sind im 3. auf deutscher seite.“
Jeder Kriegstag ist eine Katastrophe.
In Deutschland erinnert man sich dessen vor allem mit Blick auf die Zerstörung deutscher Städte im Bombenhagel und auf jene letzten Wochen, da der Krieg an seine Wurzeln – also nach Deutschland – zurückgekehrt war. Zuvor aber hatten die deutschen Truppen die Katastrophe in einem beispiellosen Aggressions-, Raub- und Vernichtungskrieg mit Dutzenden Millionen Menschenopfern bis an den Atlantik und bis an die Wolga getragen, und weil das so war, hätte es im Falle des Ukrainekrieges, der seinen Beginn bekanntlich nicht erst am 24. Februar 2022 hatte, für die deutsche Regierung keine andere Aufgabe geben dürfen als die, alle, aber auch wirklich alle politischen Anstrengungen zu seiner Verhinderung zu unternehmen und darum als Vermittler von Waffenstillstand und Friedensverhandlungen aufzutreten und nichts sonst.
Denn es ist dieser Krieg eine ungeheure Tragödie, die sich abspielt auf Territorien, die damals als Teile der Sowjetunion von den Truppen des nazi-faschistischen Deutschlands unterschiedslos erobert und einem riesigen „Großdeutschland“ einverleibt werden sollten, und die ihre Opfer findet in Bevölkerungen, die von diesen Truppen ebenso unterschiedslos als „jüdisch-bolschewistisch“ und „slawisch-untermenschlich“ bekämpft und vielmillionenfach – es ist die Rede von 27 Millionen toten Menschen – vernichtet worden sind. In einem Vorgehen, mit dem – dies kann nicht oft genug betont werden – auch die Leben von 3,5 Millionen in der Sowjetunion beheimateten Jüdinnen und Juden ausgelöscht wurden. Ja: Der zweite Weltkrieg – er war auch die Voraussetzung für den Holocaust, war der Raum und die Zeit dieses zusätzlich ungeheuerlichen Verbrechens, und es waren an ihm – das darf nicht ausgeblendet sein – auch ukrainische Kollaborateure beteiligt, denen heute Denkmäler errichtet sind.
Jeder Kriegstag ist eine Katastrophe.
Wie konnte angesichts all dessen – so frage ich – eine deutsche Regierung überhaupt auf die Idee kommen, dass ihre Aufgabe darin bestehen könnte, Öl ins Feuer zu gießen? Denn das ist es, was Bundeskanzler Olaf Scholz mit seiner „Zeitenwende“-Rede am 27. Februar 2022 getan hat: Er hat mit der alle Vorgeschichte ausblendenden Parteinahme für die ukrainische Regierung Öl ins Feuer des Krieges gegossen, und er hat jene Entwicklung Deutschlands zur „Kriegstüchtigkeit“ eingeleitet, durch die unser Land heute geprägt ist.
Nein, liebe Freundinnen und Freunde, ich werde mich jetzt nicht zum Kriegsverlauf in der Ukraine äußern. Ich werde mich nicht verführen lassen, so zu tun, als würde ich darüber so zuverlässig informiert werden, dass ich ein Urteil abgeben könnte. Denn schon damit wäre ich ein Teil jenes Mechanismus, dem wir gerade unterworfen werden:
Es wird uns ein gewinnbarer Krieg vorgespielt, in dem wir nur begeistert genug Partei ergreifen müssten, damit er tatsächlich gewonnen werden kann. Das heißt also, wir müssten jubelnd den Kriegskrediten zustimmen und zugleich den Kürzungen im Sozialen, in der Gesundheitspolitik, in der Kultur, in der Wissenschaft und Bildung; wir müssten freudig hinnehmen, wie Geschichte verfälscht wird und Nationalismus wieder salonfähig und soldatisches Heldentum wieder zum Maßstab erstrebenswerten Handelns (und diesmal nicht nur männlichen, sondern auch weiblichen und diversen Handelns); und damit wir das tun, wird uns dieser Krieg als einer für unsere eigene Freiheit, unser eigenes Wohlergehen, die Zukunft Deutschlands und die Zukunft Europas geführter dargestellt, und um das alles glaubhaft zu machen, wird Russland zum Bösen schlechthin erklärt, wird seine Führung entmenschlicht und vermonstert, wird suggeriert, „der Russe“ stehe unmittelbar vor Brandenburg, und ungezählte willfährige Menschen in Medien, Talkshows, Forschungsinstituten, Universitäten, Ämtern tun in überraschender Übereinstimmung das Ihrige, um an dieser Kriegspsychose mitzuwirken. Kriegsbilder, Waffenwerbung, Bereitschaftserklärungen junger Leute in den social media, ihr Leben mit der Waffe in der Hand für die Freiheit in die Bresche zu schlagen, Pläne für die Wiedereinführung der Wehrpflicht – all das und noch viel mehr bestimmt unseren Alltag, und die Gesellschaft wird gespalten und spaltet sich selbst in aufgeheizter, „alles oder nichts“ fordernder Parteinahme für eine der beiden Seiten – und der einfache Ruf nach Frieden, dieser selbstverständlichste Ruf der Welt: Er wird in diesem irrsinnigen Getöse zu etwas Verrücktem, völlig aus der Zeit Gefallenem, wenn nicht gar höchst Gefährlichem. Was ist das für eine gesellschaftliche Fehlentwicklung, wo der in hohem Ansehen steht, der sich im Wettbewerb um die Erreichung der „Kriegstüchtigkeit“ an die Spitze kämpft, und in der bekämpft wird, wer nach Frieden ruft.
Ich ergreife Partei für den Frieden und für eine Gesellschaft, die all ihre Kraft darauf richtet, friedenfähig zu sein. Denn erstens kann nur eine solche Gesellschaft in Kriegen tatsächlich vermitteln. Das gilt für die Tragödie in der Ukraine ebenso wie für die Tragödie in Gaza. Beide Tragödien sind aufs Engste mit deutschem Handeln im 20. Jahrhundert verbunden, in beiden hätten die deutschen Regierungen in tiefster Demut vor der historischen Schuld des nazi-faschistischen Deutschlands schon seit Jahrzehnten um nichts als Frieden ringen müssen – und auf beider Verlauf hat Deutschland heute durch das zum Vermitteln unfähige Handeln seiner Regierungen praktisch keinen Einfluss mehr. Und zweitens gehören Frieden und Demokratie – wenn diese denn ernst gemeint ist und nicht zur Phrase verkommen soll – eng zusammen.
Es ist ein gewaltiger Irrtum zu glauben, mit Krieg sei Demokratie – also Herrschaft der Bevölkerung über ihr eigenes Schicksal – zu gewinnen. Und wer nun meint, das sei doch graue Theorie, von der ich hier spreche, der braucht sich nur die Entwicklung jetzt, im heutigen Deutschland, anzusehen. Wo stand die AfD zum Zeitpunkt der „Zeitenwende“-Rede, und wo steht sie jetzt? Jetzt steht sie in den Umfragewerten an der Spitze. Wie wurde die Zuwanderungsdebatte 2022 geführt – und wie geschieht das jetzt? Wie sprach man damals über Zwangsdienste – und wie geschieht das jetzt? Und weiter: Kommt heute in der herrschenden Politik noch jemand auf die Idee, in den Wahlkampf zu ziehen mit der Forderung, den Klimawandel in den Mittelpunkt aller Anstrengungen zu stellen?
Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,
ich beende meine Rede mit einem Blick in die Ost- und speziell die Ukrainepolitik des nazi-faschistischen Deutschlands. Wenn wir den deutschen Faschismus und seine Wiederholbarkeit begreifen wollen, genügt es nicht, nur dasjenige zu analysieren, was Hitler und seine engsten Parteigänger gewollt und realisiert haben. Es sind auch Konzepte von Bedeutung, die letztlich Hitlers Zustimmung nicht gefunden haben, aber dennoch Ausdruck langfristiger Interessenlagen des deutschen Imperialismus sind. So die Konzepte des Ministers für die besetzten Ostgebiete Alfred Rosenberg. Wenn es nach denen gegangen wäre, hätte sich Deutschland mit der Ukraine, den baltischen Republiken und politischen und militärischen Kräften des Kaukasus und Zentralasiens gegen Russland, Moskau und Stalin verbündet. Hitler lehnte diese Pläne am Ende ab, weil sie mit seinem Bild von den „Herrenmenschen“ nicht vereinbar waren. Dass sie damit nicht für immer ad acta gelegt worden sind, beweist uns die Gegenwart.
Der Kampf für den Frieden ist keine Ein-Punkt-Aufgabe, er ist nicht ein Vorhaben unter vielen, sondern zentrale und alles überwölbende Frage der Fortexistenz überhaupt. Es geht um die Gesellschaft als Ganzes. Es ist gut, dass wir uns im Wissen darum versammeln und darum ringen, unsere Kräfte zu vervielfachen.