in: Die Neue Weltbühne, Prag-Zürich-Paris, Nr. 8 vom 18. Februar 1937, S. 238-240Deutschland und Japan, die beiden dynamischen Mächte, haben sich in die Sackgasse der Isolierung verrannt. Japans Isolierung ist perfekt, sie ist vollständiger als die deutsche. »Heraus aus der Sackgasse!« ist der Kampfruf der parlamentarischen Opposition gegen die Militärdiktatur.

Asiaticus 1937: Japan und China

in: Die Neue Weltbühne, Prag-Zürich-Paris, Nr. 8 vom 18. Februar 1937, S. 238-240

Shanghai, Anfang Februar (1937)

Deutschland und Japan, die beiden dynamischen Mächte, haben sich in die Sackgasse der Isolierung verrannt. Japans Isolierung ist perfekt, sie ist vollständiger als die deutsche. »Heraus aus der Sackgasse!« ist der Kampfruf der parlamentarischen Opposition gegen die Militärdiktatur.

Takahashi, der achtzigjährige Finanzminister, der bei der vorjährigen faschistischen Militärrevolte in Tokio ermordet wurde, sagte kurz vor jenem Staatsstreich: »Wir haben uns zwar in eine völlige Isolierung von den stärksten Interessenmächten im Pazifik hineinmanövriert, aber Japan und seine Besitzungen sind trotzdem nicht vom Kriege bedroht.« In der Tat, weder England noch Amerika hegen aggressive Absichten, selbst die Besetzung der Mandschurei und eines Teils der Inneren Mongolei hat die Stellung dieser Mächte nicht geändert. Allerdings besteht jetzt eine weitgehende englisch-amerikanische Zusammenarbeit gegen, die Fortführung der jaapanischen Invasionspolitik in China, trotz der Konkurrenz der beiden stärksten Finanzmächte um ihren Einfluss auf den pazifischen Märkten. Japans Austritt aus dem Völkerbund, der Bruch des washingtoner Abkommens und die Kündigung des Flottenpaktes haben England an die Seite Amerikas getrieben. Der Amoklauf der japanischen Generale und Admirale hat bewirkt, dass der grösste Teil der amerikanischen See- und Luftflotte seit 1932 im Pazifik manövriert und dort neue Stützpunkte befestigt, während England (zusammen mit Australien) Singapore zum mächtigen Sperr-Riegel gegen japanischen Absichten im Süd-Pazifik ausbaute und ihn durch weitere Befestigungen im malaiischen Archipel und um Hongkong ergänzte. Hand in Hand damit gehen defensive Vorbereitungen in Holländisch-Indien und in Indochina. Kürzlich, während englische .Kriegsschiffe, Lufteskader und Truppen Manöver um Singapore ausführten, fanden sich eine Abordnung amerikanischer Kriegsschiffe und die gesamten Seestreitkräfte Holländisch-Indiens zum Besuch im Hafen zusammen. Denken wir noch an die Befestigungen Ostsibiriens und Wladiwostoks unter Marschall Blücher und an das Abwehrbündnis zwischen der USSR und der Mongolischen Volksrepublik, so ist das Bild der japanischen Isolierung vollständig.

Seit Takahashis Tod hat sich für Japan noch mehr verändert. Chinas nationaler Aufbruch wurde so vehement, dass jede weitere Invasion bewaffneten Massenwiderstand und einen Befreiungskrieg von ungeheurem Ausmass nach sich ziehen muss. Nationale Freiheitskriege rufen Kräfte und Leidenschaften auf den Plan, die die organisatorische und technische Überlegenheit einer imperialistischen Invasionsarmee wohl wettmachen können. China mit seinen mehr als 400 Millionen ist kein Abessinien. Japan könnte mit seiner Armee und Flotte die chinesischen Häfen im ersten Ansturm nehmen, aber Shanghai hat schon l932 bewiesen, dass nationale Truppen, innig verbunden mit den breiten Volksmassen, sehr rasch diesen Ansturm in einen langwierigen Stellungskrieg verwandeln können. Dann aber kämen die ungeheuren Schwierigkeiten einer 1nvasion des riesenhaften Hinterlandes und eines Guerillakrieges, dessen Resistenzkraft schon die roten Truppen den Armeen Tschiangkaisheks wie auch seinen Luftgeschwadern und deutschen Militärratgebern jahrelang demonstriert haben.

China und die Mandschurei sind für Japan lebenswichtige Märkte, und ein langwieriger Krieg mit China bedeutet den Ruin der japanischen Handelsinteressen. Gleichzeitig würde Japan den Widerstand der Mächte spuren, die bedeutende Kapitalanlagen in den Häfen Chinas besitzen. Man braucht bloss diese unmittelbaren Gefahren für den japanischen Imperialismus aneinander zu reihen, um zu sehen, in welche Sackgasse die japanische Militärkamarilla geraten ist. Diese Lage ist ausschliesslich ihr Werk; ihre fortgesetzten Invasionen und Provokationen haben die gegenwärtige Volksstimmung in China erzeugt und die internationale Isolierung Japans bewirkt.

Man kann es nun Hirota, dem Aussenminister des vorigen Kabinetts, nachfühlen, dass er das Bild Hitlers umarmte, als ihm die Nachricht von der Unterzeichnung des deutsch-japanischen Bündnisses überbracht wurde. Er liess sich hinterher mit beglückender Miene neben dem Bild Hitlers photographieren. Auf Anweisung der Regierung und der Armee wurde in Japan wochenlang in den Farben Nippons und der Nazis geflaggt.

Aber die parlamentarischen Parteien, die konservative Seiyukai, die demokratische Minseito und die Soziale Massenpartei, wollten sich nicht davon überzeugen lassen, dass ein Bündnis mit Nazi-Deutschland die Isolierung Japans aufhebe. Im Gegenteil, sie behaupteten, dass dadurch der Konflikt mit England. Amerika und der UdSSR verschärft wurde. Der Pakt mit Deutschland ist ein Bündnis, das Japan nicht aus der Sackgasse in China zu helfen vermag. Seine einzige »Wirksamkeit« besteht darin, dass Deutschland durch dauernde Beunruhigung Europas und Bedrohung der Sowjetunion die Aktionskraft der Grossmächte gegenüber Japan lähmt; das aber hat Hitler auch ohne das Bündnis mit Japan stets getan. Sonst bringt das Bündnis Japan keine Erleichterung sondern nur Schwierigkeiten. Das war auch der wichtigste aussenpolitische Grund, weshalb alle parlamentarischen Parteien einig der Regierung entgegenstanden. Hamada, ein Führer der Seiyukai, führte den Angriff gegen die Regierung. Er fragte den Kriegsminister, was nun geschehen soll, nachdem man sich in China so festgerannt hat. Er griff die Regierung nicht nur wegen des Misserfolgs ihrer Aussenpolitik an, sondern auch, weil die Pakte mit den fascistischen Mächten innenpolitisch als Hebel zur Beseitigung der konstitutionellen Rechte und Errichtung der fascistischen Militärdiktatur benutzt werden. Die Generalsclique, die die Politik in Tokio diktiert, ist aber schon zu weit, um sich in dieser Weise öffentlich ausfragen zu lassen und so die schicksalhafte Weisheit ihrer Politik in Zweifel zu stel1en. Der Kriegsminister Terauchi fertigte die Kritiker damit ab, dass die Asienpolitik schon richtig wäre, und an den Schwierigkeiten seien eben die »Unehrlichkeit« Chinas und die Gegenarbeit Englands, Amerikas und der USSR schuld.

Das Kabinett Arita – Hirota – Terauchi ging mit der Ankündigung, dass nun die »Parlamentarier« gestraft werden sollen. So geht Japan den Weg weiter zum totalen Staat, in einer Situation, in der es nicht an Warnungszeichen fehlt, dass es eine totale Niederlage erleiden wird.

China steht auch am Scheideweg. Die Zeit der inneren Generalskriege geht zu Ende, die nationale Einigung Chinas macht rapide Fortschritte. Als im Vorjahr die Frage der Unterordnung des Südens unter Nankings zentrale Autorität und Verwaltung auf der Tagesordnung war und beide Lager kriegsbereit standen, fiel die Entscheidung für Unterordnung, aber gegen den vorbereiteten Bürgerkrieg. Tschiangkaishek, der die zentralen Truppen befehligte, erfocht einen entscheidenden Sieg; die separatistischen Generale erlitten eine Niederlage, weil ihre Streitkräfte gegen die nationale Einigung versagten.

Tschiangkaishek führte jahrelang Krieg gegen die Rote Armee, die gegen die Despotie der feudalen Provinzgenerale, für Agrarreform, revolutionäre Demokratie und nationale Verteidigung focht. Die Rote Armee musste oft ihre Kampfgebiete wechseln, aber sie konnte militärisch nicht besiegt werden, weil sie der Träger sozialer, politischer und nationalrevolutionärer Ideen war, die die Volksmassen erfassten. Als Tschiang in Sian eine Fortführung dieses Bürgerkrieges erwirken wollte, scheiterte er, weil dieselbe Armee, die er gegen die Roten beorderte, nur für nationale Befreiung und nicht im Bürgerkrieg gegen die Rote Armee kämpfen wollte. Als diese Auseinandersetzung zwischen Tschiangkaishek und Tschanghsueliang zu einer Rebellion gegen die zentrale Autorität ausartete, war es die Rote Armee, die zwischen beiden vermittelte, und zwar im Sinne der nationalen Einigung und des nationalen Freiheitskampfes und gegen den Bürgerkrieg, dessen ursprüngliches Opfer sie selbst sein sollte. Dass sie sowohl Kraft als auch Einfluss genug hatte, um vermitteln zu können, ist ein gutes Zeichen sowohl für die Einigung als auch für die Verteidigung Chinas.

In Nanking ringt eine projapanische Clique von Militaristen und Geschäftemachern um die Entscheidung für die Fortführung des Bürgerkrieges. Tschiangkaishek tritt für ein Kompromiss mit Sian ein, während Wangtschinwei, der kürzlich aus Deutschland zurückkehrte, den Ordnungskrieg verlangt. Charakteristisch ist auch die Stellung der massgeblichen Vertreter der ausländischen Interessen: Japan verspricht Nachsicht mit China. wenn nur die Entscheidung für den Bürgerkrieg fällt; Deutschland plädiert für Chinas Beitritt zum Pakt gegen den Kommunismus; England und Amerika bieten ihren Einfluss auf für die Erhaltung des inneren Friedens und für ein Kompromiss, das gleichbedeutend den Wünschen Tschiangkaisheks wäre.

Aber wie auch die Entscheidung in Nanking fällt: die faktische Entscheidung hat die aufbrechende Nation, die alle Kräfte für den nationalen Freiheitskampf gegen den japanischen Militärfascismus brauchen wird.