Wann haben Leserinnen und Leser in Deutschland das erste Mal von Mao Zedong lesen können? Und wie ging es weiter mit der Berichterstattung über ihn und die chinesische Revolution? Was stand ab 1933 in den faschistischen Tageszeitungen - und was erfuhren diejenigen, die vor den Nazis aus Deutschland fliehen mussten, in der deutschsprachigen Exilpresse? Das Internet macht neue Recherchen möglich, deren vorläufige Ergebnisse ich seit Juli 2023 in einer Artikelserie im "Blättchen" (das-blaettchen.de) vorgestellt habe. Hier sind die Teile I-III der Serie.

Adolphi 2023: Wie Mao in deutsche Köpfe kam (I-III)

Adolphi 2023: Wie Mao in deutsche Köpfe kam (I-III)

von Wolfram Adolphi

I

in: Das Blättchen. Zweiwochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft, 26. Jg., Nr. 15, 17. Juli 2023, S. 12-13

[S. 12]

Am 9. August 1930 stießen die Leserinnen und Leser des Vorwärts – des Zentralorgans der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands – auf Seite 2 ihrer Zeitung auf einen Artikel mit der Überschrift „Tschu-Mao. Der Popanz des ‚Temps‘“. Unter dem Herkunftsvermerk „Moskau, 8. August. (Ost-Express.)“ bekamen sie das Folgende zu lesen:

„Die ‚Prawda‘ wirft dem Pariser ‚Temps‘ vor, ‚sei es aus Unwissenheit, sei aus Spekulation auf die Unwissenheit seiner Leser‘, die unglaublichsten Tatarennachrichten über die gegenwärtigen Kämpfe in China verbreitet zu haben. Nach der ‚Prawda‘ zeigen die Artikel des ‚Temps‘ zunächst einen derartigen Mangel an geographischen Kenntnissen über China, daß ihm Missverständnisse passierten, ‚etwa als ob man Spanien mit Jugoslawien verwechselt‘. Mit besonderer Schärfe und Ironie greift aber die ‚Prawda‘ einen China-Bericht des ‚Temps‘ vom 2. August an, in welchem gemeldet war, daß ein chinesischer General Tschu Mao, der in Deutschland militärisch ausgebildet worden sei, als Sowjetagent die ‚kommunistischen Horden‘ führe, und zwar nur zum Zwecke des Plünderns, des Mordens und Zerstörens. Die ‚Prawda‘ bemerkt dazu, daß dieser General überhaupt nicht existiere! Wenn mit dem sagenhaften Tschu Mao etwa der Führer des vierten Roten Korps gemeint sein sollte, so heiße dieser Tschu Deh [Zhu De], habe sich niemals in Deutschland aufgehalten, wohl aber in Frankreich, wo er die kommunistische Lehre kennen lernte. Außerdem gebe es bei den chinesischen Kommunisten einen Kommissar namens Mao-Tse-Tun [Mao Zedong]. Aus diesen beiden Männern habe der ‚Chinakenner‘ offenbar den schrecklichen Mordbrenner Tschu Mao geformt, mit dessen Greueltaten der französische Spießbürger nunmehr erschreckt werde.“ [Hervorhebungen i. O. – W.A.]

Es ist auf diese kryptische Weise, dass der Vorwärts zum ersten Mal auf Mao Zedong, die künftige Jahrhundertgestalt der chinesischen Revolution, zu sprechen kam. Wahrlich: ein seltsamer Text. Die französische Zeitung Temps baut mit konterrevolutionären Schlagworten einen Popanz auf, die sowjetische Prawda kontert mit einer Mischung aus Richtigstellung (natürlich gab es keinen Tschu Mao, und Zhu und Mao hatten 1928 in den Jinggang-Bergen tatsächlich gemeinsam die Vierte Armee gegründet) und eigener Verwirrinformation (Zhu De hatte nicht in Frankreich gelebt, sondern wirklich – von 1922 bis 1925 – in Deutschland), und der sozialdemokratische Vorwärts zitiert und hält sich ansonsten raus.

Dabei waren Aufruhr und Bürgerkrieg in China für die Vorwärts-Interessierten natürlich nichts Neues. Am 9. September 1927 erfuhren sie, dass „die Nanking-Regierung gegründet worden“ sei, um die „Kuomintang [Guomindang] von den Kommunisten zu reinigen“. Am 7. Juni 1928 bot ihnen Der Abend, die Spätausgabe des Vorwärts, eine ausführliche Lektüre über „China und seine Generale“, will sagen: über die Warlords Tschang Tsolin [Zhang Zuolin], Wu Pei-Fu [Wu Peifu], Sun Tschuan Fan [Sun Chuanfang], Tschang Tsun Tschang [Zhang Zongchang], Feng Yu Hsiang [Feng Yuxiang] und Yen Hsi Shan [Yan Xishan], die nun alle von Tschiang Kai Scheck [Jiang Jieshi], der „die Oberleitung der Nationalarmee“ an sich gerissen und „im Frühjahr 1927 die Diktatur im Yantse-[Yangzi]-Gebiet“ errichtet hat, besiegt oder zumindest zurückgedrängt oder botmäßig gemacht wurden, und erneut lasen sie, wie „wichtig“ es sei, dass der neue militärische Führer sich „mit aller Schärfe gegen die kommunistische Bewegung und alle kommunistischen Einflüsse in der Kuomin Tang [Guomindang]“ kehre. Und noch einmal Der Abend war es, der sie am 24. Februar 1930 darüber informierte, dass China sich zum „Abnehmer von ehemaligen deutschen Offizieren, denen die politischen Verhältnisse zu eng geworden sind“, entwickele.

So fiel die erstmalige Mao-Nennung im Vorwärts am 9. August 1930 durchaus auf einen chinapolitisch vorbereiteten Boden. Allerdings auf einen ganz anderen als den, den Die Rote Fahne, die Zeitung der KPD, schon lange beackert hatte. Bei ihr war von Mao schon deutlich früher – am 23. April 1929 – die Rede, und hätten die sozialdemokratischen Redakteure dort einmal nachgeschaut, hätten sie’s nicht im Kryptischen belassen müssen. „Die Entwicklung der revolutionären Armeen unter der Führung der Genossen Tsude [Zhu De] und Maotsedun [Mao

[S. 13]

Zedong]“, heißt es da unter der Überschrift „Siegeszug der roten Armee in China“, nehme „für die Generale der Provinzen Kiangsi [Jiangxi], Hunan, Kwangtung [Guangdong] und Fukien [Fujian] gefährlichen Umfang an“. Die Provinzen könnten „in Kürze genötigt sein […], von der Zentralregierung Verstärkungen [anzufordern] für den Kampf gegen die revolutionären Armeen“, die „gut ausgerüstet und organisiert“ seien. Zum Ausweis all dessen folgten genaue Angaben zu verschiedenen Angriffsrichtungen der revolutionären Truppenteile in den genannten südostchinesischen Provinzen (den ganzen Artikel siehe im Sammelband „Aus dem Kampf der deutschen Arbeiterklasse zur Verteidigung der Revolution in China“, Dietz Verlag Berlin 1959, der im Übrigen prallvoll ist mit revolutionssolidarischen Artikeln und Dokumenten). In späterer deutscher Geschichtsschreibung wird zu lesen sein, dass „zwischen Herbst 1927 und Mitte 1930 […] sich die Einheiten der Roten Armee wie Ölflecken über die südliche Landkarte aus[breiteten]“, „15 revolutionäre Stützpunktgebiete, vor allem in Südjiangxi und Westfujian“ entstanden und aus allem „das ‚Zentrale Revolutionäre Stützpunktgebiet‘ um die Kleinstadt Ruijin (Provinz Jiangxi)“ herausragte, in dem im November 1931 „der Erste Nationale Arbeiter-, Bauern- und Soldatenkongress“ tagte, der „die Chinesische Räterepublik ausrief, eine Arbeiter- und Bauernregierung einsetzte und Ruijin zur Hauptstadt des Roten China erklärte“ (Oskar Weggel, Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1989).

Mit den Artikeln der Roten Fahne vom 23. April 1929 und des Vorwärts vom 9. August 1930 war der Anfang gemacht: Von nun an tauchte Mao Zedong immer mal wieder in deutschen Zeitungen auf. Ein klares Bild jedoch entstand daraus noch lange nicht. Zu unsicher waren die Informationen, und zu unterschiedlich die Positionen derer, die sie an die Öffentlichkeit brachten.

* Nachsatz: Zur Schreibweise der chinesischen Eigennamen. In den Zitaten wird die originale Schreibweise verwendet und in eckigen Klammern die heutige Pinyin-Schreibweise angefügt. Nicht hinzugefügt wird die Pinyin-Fassung dann, wenn – wie bei Oskar Weggel – bereits im Original mit Pinyin gearbeitet ist. Ebenfalls mit Pinyin gearbeitet wird im Fließtext.

Wird fortgesetzt.

 

II

in: Das Blättchen Nr. 16, 31. Juli 2023, S. 17-18

[S. 17]

„Tschu-Mao, der Popanz des ‚Temps‘“ schaffte es im Herbst 1930 auch in die bürgerliche deutsche Presse. Am 28. Oktober 1930 war in der Neuen Mannheimer Zeitung unter der Überschrift „Radikales in China“ zu lesen, dass in „Chinas trauriger Entwicklung, die im Moment noch immer abwärts führt“, „das Schlimmste […] das gesetzlose Volk“ bleibe, „das sich heute teilweise ‚Kommunisten‘ nennt“. Dies habe „keine einheitliche Führung“ – „Shu Teh [Zhu De], Mao Tze Tung [Mao Zedong] und Lo Lung [gemeint ist wohl He Long]“ hätten es schließlich „nie über je 10.000 Banditen gebracht“, – und es bestehe zu „90 v. H. aus Räubern“, „zu 9 [v. H.] aus Mitläufern“, und das verbleibende 1 v. H.: das sei „der bolschewistisch angeworbene Agent und Agitator, gut bezahlt, also ‚politisch‘ durchaus radikal“, und „solchen Radikalismus auszutilgen“ hätten „die Gemäßigten alle Ursache [Hervorhebung i. O.].“

Kein Zweifel: Es war Revolution in China, die Klassenfrage war gestellt, die Idee der Weltrevolution fand Auftrieb und neue Nahrung, und das spiegelte sich auch in Deutschland ohne Umschweife.

Dafür noch einmal ein Schwenk zurück: Was für die Neue Mannheimer als „abwärts führende Entwicklung“ erschien, waren für die kommunistische Rote Fahne schon seit 1925 vorwärts weisende „welthistorische Ereignisse“. Voller Empörung hatte sie am 20. Dezember 1927 – eine Woche nach der Niederschlagung des Kantoner [Guangzhouer] Aufstands durch die Guomindang – dem sozialdemokratischen Vorwärts vorgeworfen, die Nachrichten aus China „so gesiebt“ zu haben, dass „seinen Lesern […] alle Einzelheiten aus dem heldenhaften Kampf der chinesischen Arbeiter und Bauern […] unterschlagen“ und zugleich die „Nachrichten über den weißen Terror des reaktionären Militarismus in China und des Imperialismus“ mit „solchen Überschriften versehen“ würden, dass daraus „ganz eindeutig seine Parteinahme für die mordende Konterrevolution und gegen die chinesische Revolution zum Ausdruck“ gekommen sei (zitiert nach Aus dem Kampf der deutschen Arbeiterklasse zur Verteidigung der Revolution in China, Dietz Verlag Berlin 1959, S. 86).

Es ist unübersehbar: KPD und SPD waren auch in der Chinafrage schier ausweglos ineinander verhakt. Hier: Die Rote Fahne, die mit großen Artikeln unter Überschriften wie „Nieder mit den imperialistischen Räubern in China! Es lebe der Freiheitskampf des chinesischen Volkes“ (11. Juni 1925), „Hände weg von China! Hände weg von der Sowjetunion!“ (17. September 1926) oder „Massenaufmarsch für das revolutionäre China. Überfüllte Massenversammlungen – Zehntausende auf dem Bülowplatz“ (19. Februar 1927) erschien und auch Parallelen zu ziehen sich nicht scheute: „Der chinesische Noske wütet. 100 Hinrichtungen in Schanghai [Shanghai] durch Tschangkaischek [Jiang Jieshi]“ (21. April 1927). Da: der Vorwärts, der den Antikommunismus der Guomindang begrüßte und manchmal ins Feuilletonistische auswich. „China in Aufruhr“ titelte die Vorwärts-Spätausgabe Der Abend am 29. März 1928, setzte die Unterzeile „Vier chinesische Lokale in der Kantstraße“ hinzu und gab dann einem K. W. das Wort:

[S. 18]

„Kurz nach dem Krieg, als Berlin wieder international zu werden begann, tat sich in der Kantstraße ein chinesisches Lokal auf, welches Chinesen und auch Japaner von den barbarischen Eßsitten und Speisenfolgen Europas unabhängig machen sollte. Das ging auch eine Zeitlang ganz gut. Einträchtig saßen die gelben Männer bei Reis, Rattenkotelett und gebackenen Mehlwürmern und warteten auf die Befreiung der Kolonialvölker.

Aber 1927, nach dem Zwischenfall von Schanghai [Shanghai], bei dem japanische Industrielle und Werkmeister keine sehr rühmliche Rolle gespielt hatten“ – hier geriet dem Vorwärts etwas durcheinander: gemeint ist der 30. Mai 1925, an dem die britische Kolonialpolizei in Shanghai eine studentische Flugblattaktion in einem zum letzten Auslöser der Revolution werdenden Blutbad erstickte –, „wurden die Angehörigen dieser Nation in ihrem Stammlokal so schlecht behandelt, dass sie beschlossen, sich selbständig zu machen. Das geschah, sie zogen aus und machten einige Häuser weiter ihren eigenen Laden auf.

Freilich sollten sich die Zurückbleibenden nicht lange der politisch gereinigten Atmosphäre erfreuen können; denn als bei dem nun einsetzenden Befreiungskampfe Chinas die Kommunisten in die Kuo-Min-Tang [Guomindang] einzogen, wollte den wohlhabenden Industriellen- und Gutsbesitzersöhnen das Mittagessen in der Gesellschaft ihrer roten Landsleute nicht mehr schmecken. Auch sie wanderten also aus und ließen dicht bei den beiden vorhandenen ein drittes Speisehaus entstehen, in dem sie die Gewähr hatten, dass ihre Nationalgerichte auch von national gesinnten Köchen gekocht, von national gesinnten Kellnern serviert und von national gesinnten Hungrigen verzehrt würden.

Nun waren auch die Revolutionäre endlich unter sich, aber nur, bis dem sozusagen revolutionären Tschang Kai-Scheck [Jiang Jieshi] in seinem Generalshirn die Einsicht dämmerte, dass nicht die Imperialisten, sondern die Sozialisten Chinas schlimmste Feinde seien, gegen welche er denn auch fortan, unter hörbarem Aufatmen aller Engländer, zu Felde zog. Infolgedessen setzte denn auch in der Kantstraße eine erbitterte Parteinahme für und wider Tschang Kai-Scheck ein. Jede Gruppe berief sich auf Sun Yat-sen [Sun Yixian, meist: Sun Zhongshan] und schimpfte die andere verräterisch und abtrünnig, bis auch hier die reinliche Scheidung durchgeführt wurde, so dass man jetzt dicht nebeneinander vier chinesische Gaststätten hat, in denen nicht nur jedem Geschmack, sondern auch jeder politischen Weltanschauung Rechnung getragen wird. K. W. [Hervorhebungen i. O.]“.

Wird fortgesetzt.

 

III

in: Das Blättchen Nr. 17, 14. August 2023, S. 16-17

[S. 16]

Mit der Verschärfung der politischen Kämpfe in Deutschland und der gleichzeitigen Zuspitzung der Lage im Fernen Osten – am 18. September 1931 besetzten japanische Truppen die Mandschurei und vom 28. Januar bis zum 5. Mai 1932 attackierten sie Shanghai – mündeten die programmatischen Unterschiede zwischen der KPD und der SPD in der Bewertung der chinesischen Revolution und der japanischen Aggression in scharfe tagespolitische Auseinandersetzungen.

So empörte sich Die Rote Fahne am 4. Februar 1932 darüber, dass „die von der KPD geforderte Freigabe des Lustgartens für die Demonstration der Roten Arbeiterfront gegen den japanischen Imperialismus und für die Verteidigung der Sowjetunion und der überfallenen chinesischen Werktätigen von dem sozialdemokratischen Polizeipräsidenten [Albert] Grzesinski verboten worden“ sei, und sie stellte diese Entscheidung in eine Linie mit der Billigung der „Kriegsmateriallieferungen nach Japan und China“ durch den „Hamburger sozialdemokratischen Koalitionssenat“, mit dem Eintreten von Grzesinskis „japanischen Parteigenossen […] für den Raubzug gegen China und die Sowjetunion und die Annektion der Mandschurei“ und dem Stillhalten der „französischen Sozialdemokratie“ angesichts dessen, dass „die französische Regierung […] den japanischen Imperialismus finanziert“ (zitiert nach „Aus dem Kampf der deutschen Arbeiterklasse zur Verteidigung der Revolution in China“, Berlin 1959).

Ihre Unterstützung der chinesischen Revolution verband die KPD mit der Entlarvung des Wirkens der deutschen Beraterschaft bei Jiang Jieshi. „Überall“, schrieb Die Rote Fahne am 24. August 1930, „wo der

[S. 17]

Imperialismus unterdrückte Volksmassen knechtet, würgt und niederschießt, wirken die deutschen Faschisten durch ihre Vertreter mit: in China durch die Kapp-Putschisten Wetzel [Georg Wetzell] und [Hermann] Kriebel […].“ Und unter der Überschrift „Nazis als Henker der chinesischen Freiheitsbewegung“ druckte sie am 26. November 1930 einen „Aufruf der KP.Chinas an die deutschen Werktätigen“, in dem es hieß, dass „50 Nationalsozialisten, engste Freunde Hitlers,“ in Nanjing „als Militärinstrukteure der chinesischen Reaktion tätig“ seien und „soeben im Begriff“ stünden, „einen konzentrierten Angriff gegen die chinesischen Sowjetgebiete und die Rote Armee zu unternehmen“ (zitiert nach: Ebenda).

Und Mao? Er war noch nicht als konkrete Persönlichkeit wahrgenommen. So ausführlich Die Rote Fahne und die Arbeiter Illustrierte Zeitung (A.I.Z.) auch über China berichteten – die Nennung Maos in der Roten Fahne am 23. April 1929 (siehe Teil I) blieb ein Einzelfall. Nur in der Provinz tauchte Mao noch einmal auf, am 12. Februar 1931 in der Arbeiterstimme, der in Dresden erscheinenden Tageszeitung der KPD für Ostsachsen. Dort war unter der Überschrift „Tschangkaischeks [Jiang Jieshis] Niederlage. Sowjetgebiete in Hunan und Hupei [Hubei] erweitert“ zu lesen, dass die „Truppen des roten Generals Mao Tse Dun [Mao Zedong] den Nanking [Nanjing]-Truppen“, die „von den ausländischen Mächten mit Munition gut versorgt“ worden seien und „unter Führung deutscher Offiziere (Nazis)“ stünden, einen „schweren Schlag zugefügt“ hätten.

Da in der Meldung der Arbeiterstimme wie schon in anderen zitierten Artikeln die dritte Silbe in Maos Namen „dun“ geschrieben ist, sie hier ein kleiner Schriftexkurs gestattet: „Dun“ lässt erkennen, dass es sich um eine Übersetzung aus dem Russischen handelt, einschließend die dort gebräuchliche Umschrift der chinesischen Zeichen – und auch, dass denen, die die Meldung verfassten, die Problematik der verschiedenen Umschriften in verschiedenen Sprachen wohl unbekannt war. Bei von vornherein in Deutsch verfassten oder aufs Englische zurückgehenden Texten finden wir „dung“ oder „tung“. – Und was die heutige standardisierte Schreibweise „dong“ betrifft, so ist zu beachten, dass die Aussprache trotz des „o“ wie immer schon „dung“ lautet.

Mao Zedong. Die Leserinnen und Leser des in Bielefeld erscheinenden Aufwärts. Christliches Tageblatt erfuhren von ihm am 9. August 1931 ohne den Umweg einer Übersetzung in einem Beitrag des Missionars der Rheinischen Mission in China Immanuel Gottlieb Genähr, der seine Texte mit „G.“ oder „Im. Genähr“ zeichnete. „Die Kommunisten“, schrieb Genähr unter dem Titel „Kommunismus in China“, „haben gut ausgebildete und mutige Führer. Einer ihrer Führer, Peng Teh-huai [Peng Dehuai], der im Juli 1930 Tschangsha [Changsha] erobert hatte, ist erst 38 Jahre alt und erhielt seine Erziehung in einer französischen Missionsschule. Die anderen vier Generale sind: Tshuh Teh [Zhu De], Huang Kungliao [?], Ho Lung [He Long] und Mao Tseh-tung [Mao Zedong]. […] Die Kommunisten operieren in fünf Provinzen […], erfreuen sich der Mitwirkung Rußlands und der Sympathie und Mithilfe von Millionen von Bauern und Arbeitern, und wenn sie in offener Schlacht von den Nationalisten angegriffen werden, geschieht es häufig, daß Gruppen meuternder Soldaten zu ihnen übergehen.“

Dennoch werde – so Genähr weiter – der Kommunismus in China „voraussichtlich […] nicht zur Herrschaft gelangen“, denn erstens seien die Bauern „grundsätzlich und wesentlich konservativ“, zweitens habe die „zunehmende Industrialisierung des Landes“ noch keine „große proletarische Klasse“ hervorgebracht, und drittens verletze der Kommunismus „den demokratischen Instinkt der Chinesen, ihre sozialen Ideen und die der Familie sowohl als auch ihre Vorliebe für Vergleiche und friedliche Methoden.“

Am 31. Mai 1932 musste Genähr – wiederum im Aufwärts – einräumen, dass die „offen zutage tretende Schwäche der Nanking-Regierung […] von den Kommunisten […] in weitestem Umfang ausgenutzt worden“ sei. Die „Roten Truppen“ unter den „bekannten Kommunistengeneralen Tschu Te [Zhu De] und Mao Tse-tung [Mao Zedong]“ hätten „einen Vorstoß nach Fukien [Fujian]“ unternommen, „um auch diese Provinz ihrer Herrschaft anzugliedern.“ Dabei sei der „Vertragshafen Amoy [Xiamen] zeitweise so stark bedroht“ gewesen, „daß die Fremdmächte Kriegsschiffe dorthin entsandten und mit den chinesischen Behörden gemeinsame Sache machten.“

Wird fortgesetzt.