Adolphi 2024: Nachruf auf den Historiker Prof. Dr. Wolfgang Küttler
Wolfram Adolphi/13.06.2024
Wolfgang Küttler (8. April 1936 – 26. Mai 2024)
Das >Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus< enthält in seinem 2015 erschienen Band 8/II den etwas ungewöhnlich anmutenden Eintrag >Marxismus Lenins<. Warum? Die Einträge >Marxismus< und >Marxismus-Leninismus< waren doch vorhanden, dazu >Marxistsein/Marxistinsein<, >Marxismus-Feminismus< und >Marxismus-Enteignung< – wozu also noch dieser?
Nun, da war eine Not. Im Band 8/I fehlte an der entsprechenden Stelle im Alphabet der Eintrag >Leninismus<. Eingetreten war der in der Publikationsgeschichte des vielbändigen Riesenwerkes, die 1994 begonnen hat und 2024 beim Buchstaben N angelangt ist, seltene Fall einer veritablen Leerstelle: Es war zum Umgang Lenins mit Marx – dem für die russische Revolution und ihre Folgen so bedeutsamen –Zusammenfassendes nicht notiert. Zwar gab es in anderen Einträgen mannigfach Bezug und Hinweis, aber damit war das Verbindende und Komplexe nicht zu ersetzen. Wie also konnte die Leerstelle gefüllt, der Schaden gemildert werden? Es fand sich die Lemma-Idee >Marxismus Lenins<, und die war dem langgedienten HKWM-Mann und einschlägig >vorbelasteten< Historiker Wolfgang Küttler so deutlich auf den Leib geschrieben, dass aus der Not eine Tugend werden konnte.
>Marxismus Lenins< ist ein großer Text geworden, und wer ihn sich heute vornimmt, wird ihn als Wolfgang Küttlers Vermächtnis lesen können: das Vermächtnis eines bedeutenden deutschen Historikers, dessen >Marxistsein< - um das oben schon genannte Lemma noch einmal aufzurufen – sich im Leben nacheinander in zwei konträr zueinander stehenden deutschen Staaten bewährt und in unermüdlicher kritischer und selbstkritischer, individuell und kollektiv betriebener Wissenserweiterung und Wissensweitergabe verwirklicht hat.
Wolfgang Küttler schrieb über den >Marxismus Lenins< sowohl als Forschender wie auch als Mitglied einer nach Lenins Plänen organisierten Herrschaftspartei, mithin als Mitgestalter der DDR-sozialistischen Wissenschaftslandschaft, das heißt: als einer, der hineingeworfen war und sich hineingeworfen hat in die vier Jahrzehnte dauernde so fruchtbare wie in Widersprüchen zerberstende Anstrengung, die große Idee so anzugehen, dass sie im marxschen Sinne zur die Massen ergreifenden materiellen Gewalt hätte werden können. Wenn er in seinem >Marxismus Lenins< feststellte, dass Lenins Bilanz >für die zwiespältige Doppelfunktion des Marxismus< im 20. Jahrhundert stehe, also: für die Gleichzeitigkeit von >revolutionärer Orientierung im Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung< auf der einen Seite und >Herrschaftsideologie von Staaten, in denen der Marxismus als Leninismus bzw. Marxismus-Leninismus (ML) zur Macht gekommen war<, auf der anderen, und dass sich daraus >gleichermaßen starke Potentiale weltweiter Ausstrahlung wie gravierender Fehlentwicklungen, beides zumeist unauflöslich verflochten, [ergaben]< - dann schrieb er nicht über etwas von ihm Fernes, Abgetrenntes, sondern über etwas, dem er selbst angehörte, dessen Zwiespältigkeit seine eigene war. Wenn er Eric Hobsbawm mit dem Befund zitierte, dass >die sowjetische Orthodoxie […] jede wirkliche marxistische Analyse dessen, was in der sowjetischen Gesellschaft geschehen war<, ausschloss, dann rief er auch die Vergeblichkeit eigener, die Geschichte der DDR und ihres Umgangs mit der Geschichte betreffender Anstrengungen in Erinnerung.
Und auch hatte er sich mit >Marxismus Lenins< ausdrücklich die Aufgabe gestellt, Lenin eben nicht >im Schatten des Stalinismus untergehen< zu lassen oder >nur vom Scheitern des sowjetischen Staatssozialismus her< zu beurteilen. Erfassen wollte er >Lenins Bedeutung in der Differenz und Kontinuität zu Marx einerseits< und >zu Stalin und dem von ihm kanonisierten ML andererseits<, und anzugehen begann er >die weitergehende Frage nach den allgemeinen Entwicklungstendenzen, in deren Zusammenhang Lenins Werk und Wirkung am Anfang des 21. Jahrhunderts […] stehen.<
>Marxismus Lenins< war Wolfgang Küttlers 14. HKWM-Artikel – von insgesamt 15, der letzte dem Lemma >Mischformation< geltend (Band 9/I 2018). So schloss sich der Kreis: Mit >Formationstheorie< (Band 4) hatte 1999 alles begonnen. Seither gehörte Wolfgang Küttler zum Wissenschaftlichen Beirat und zur Werkstatt des Wörterbuchs, und seit Band 8/I (2012) war er auch Mitglied der Redaktion und an der Seite von Wolfgang Fritz Haug, Frigga Haug und Peter Jehle einer der Herausgebenden. Gemeinsam mit dem 2010 aus dem Leben geschiedenen Thomas Marxhausen bildete er die schmale, aber kräftige DDR-Säule im Kollektiv derer, die das HKWM Monat um Monat und Jahr um Jahr in nie abreißender ehrenamtlicher Schreib-, Redaktions-, Debattier- und Beratungsarbeit mit hunderten Autorinnen und Autoren von Stichwort zu Stichwort und Band zu Band brachten – was nun ohne ihn weitergehen muss.
Die im Rentenalter – wie unangemessen das in diesem Zusammenhang zu klingen vermag! – betriebene Arbeit fürs HKWM war für Wolfgang Küttler so ausfüllend, ihn so mit allen Fasern packend wie die, die er – am 8. April 1936 als Sohn einer Lehrerin und eines Oberstudiendirektors in Altenburg geboren – in Rang und Dienstverhältnis von 1958 bis 1964 am Institut für Geschichte der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, von 1964 bis 1967 am Institut für Geschichte der europäischen Volksdemokratien der Karl-Marx-Universität in Leipzig und von 1967 bis 1991 am Institut für Geschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (1972 umbenannt in Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR) geleistet hat. Seine Artikel betrafen – neben den bereits genannten – so übergreifend gewichtige Lemmata wie >Geschichte<, >Gesellschaftsformation<, >historischer Materialismus< und >Kritik<. Prädestiniert dafür war er, weil er sich die geschichtswissenschaftliche Methode wahrlich grundlegend angeeignet hat: ein ganzes Jahrtausend hat er auf dem Weg vom Studenten zum Professor historische Schichten aufschürfend durchmessen. Hatte seine Diplomarbeit 1958 in Jena >Die Papstpolitik in Ungarn und Böhmen im 10. und 11. Jahrhundert< zum Thema, so war seine Dissertation in Leipzig 1966 auf den Zusammenhang von >Patriziat, Bürgeropposition und Volksbewegung in Riga in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts< gerichtet, und zum Dr. sc. phil. (dem Dr. habil. vergleichbar) wurde er 1976 promoviert mit der Arbeit >Lenins Formationsanalyse der bürgerlichen Gesellschaft in Russland vor 1905<. Die erschien mit dem Untertitel >Ein Beitrag zur Theorie und Methode historischer Untersuchungen von Gesellschaftsformationen< 1978 gleichzeitig im Akademie Verlag in Berlin/DDR und im Topos-Verlag Vaduz/Liechtenstein, und so war schon da in Ost und West von Küttlers Sicht auf den Marxismus Lenins zu lesen.
Wolfang Küttler war immer ein leidenschaftlich Schreibender – siehe als kleinen Ausschnitt aus dem umfangreichen Lebenswerk etwa das mit Heinz Heitzer 1983 veröffentlichte Buch >Eine Revolution im Geschichtsdenken. Marx, Engels, Lenin und die Geschichtswissenschaft<, die 1989 publizierte Arbeit >Max Weber und die Geschichtswissenschaft. Möglichkeiten und Grenzen spätbürgerlicher Geschichtsperspektiven< oder den 2008 in der Leibniz-Sozietät erschienenen Text >Geschichtsphilosophie und Geschichtswissenschaft< -, auch ein produktiver Herausgeber – etwa 1978, als er gemeinsam mit dem später berühmt gewordenen Bismarck-Biographen Ernst Engelberg >Formationstheorie und Geschichte. Studien zur historischen Analyse von Gesellschaftsformationen im Werk von Marx, Engels und Lenin< verantwortete –, und schließlich ein hingebungsvoll Lehrender. Auch von diesem Letzteren haben die HKWM-Produzierenden immer wieder profitiert. Es ist berührend, wie gerade die Jüngeren unter ihnen in persönlichen Nachrufen seine pädagogischen Fähigkeiten, sein Einfühlungsvermögen und sein Interesse an ihrer persönlichen Entwicklung in Erinnerung riefen.
Nicht weniger als ein Vierteljahrhundert seines Lebens hat Wolfgang Küttler dem HKWM gewidmet. Deshalb soll diese Erinnerung an ihn mit Sätzen enden, die er im Vorwort zu Band 9/I (2018) zur gewinnenden Erklärung für die hartnäckige, allen zeitgeistigen Widerständen trotzende Fortschreibung des Wörterbuches gefunden hat und die auf wunderbare Weise mit der Weisheit seines Historikerdaseins angefüllt sind: >Auf den ersten Blick scheint es zerstückelt und willkürlich, das historisch-materialistische Projekt von Marx und Engels in lauter begrifflich gefasste Detailfragen zu zerlegen und alphabetisch anzuordnen. Wir haben uns im Vorwort zum ersten Band einer Formulierung Nietzsches zur Benennung dieses Verfahrens bedient: mit dem Hammer philosophieren. Es erlaubt, mit großer Schärfe die jeweils in einer begrifflichen Monade auftauchende Problematik in ihrer Genese, ihrer Entwicklung, ihrer Bestimmung durch die historisch spezifischen Produktionsverhältnisse bis zu den kapitalistischen und staatssozialistischen auszuleuchten und so den alles wissenden Ableitungsblick zu vermeiden. Zugleich bleiben die Einzelstücke nicht isoliert; sie treten in eine historisch-kritisch fundierte Erzählung aus vielen Erzählungen ein, die dazu befähigt, die Geschichte neu zu begreifen, andere Zusammenhänge zu entdecken und doch die Einzelteile sogleich für Projekte in Forschung und politischer Bildung zu nutzen. Der oft phrasenhaft gebrauchte Satz, dass die kapitalistischen Verhältnisse bis in jedes einzelne gesellschaftliche Moment durchschlagen, wird hier auf die Probe gestellt.<